Es ist bisweilen sehr bizarr, was man sich alles einfallen lässt, wenn es um die "perfekte" Präsentation seiner Waren geht. Was mich schon seit einiger Zeit sehr ärgert, ist die Präsentation von Backwaren in Supermärkten. Um wirklich noch zwei oder fünf Cent als Verbraucher sparen zu können, bin ich zu einem fast unmöglichen Kunststück gezwungen. Aber mir zahlt niemand etwas für die unfreiwillige Vorstellung im Supermarkt an der Ecke.
Aus hygienischen Gründen sind die Brötchen und Teilchen natürlich hinter Glas, damit nicht jeder mal hingeht und sie betatscht und sich keine Tiere(!) darauf verirren, wie z.B. Wespen beim normalen Kuchenbäcker. Soweit O.K., kann man ja annehmen, dass da man mitgedacht hat.
Da es sich aber durchgesetzt hat, alles "dem Kunden zugeneigt" zu präsentieren, würden die Brötchen jetzt natürlich auf einem schrägen Regal einfach hingelegt auf den Gang rollen. Um das zu verhindern, kommt eine Glasscheibe davor, welche die Brötchen genau daran hindert. Nur noch, wenn man mit der Zange durch die Öffnung fasst, kann es gelegentlich zu einem nach Kullern des nächsten Brötchens kommen. Dann kann man seinen Kindern beim Einkauf gleich ein Wunder der Physik erklären und sagen: "Kuck, das ist Schwerkraft. Nach dem selben Prinzip funktionieren sogar mächtige Lawinen". Findige Entwickler haben dann aber einen Metallbügel erfunden, der auch diese Lücke noch abdichtet. Leider wurde dabei eines vergessen. Wie soll man den jetzt noch an die Ware kommen?
Zur Verdeutlichung. In einer Hand halte ich eine Tüte, in die ich meine Ware tun will, in der anderen die Zange, mit der ich die Ware anfassen darf. Und mit welcher Hand öffne ich jetzt die erste Glasscheibe? Und wie geht es dann weiter, wenn sich mal was verhakt oder ein Brötchen quer liegt? Dann muss man sich mit der Zange und zwischen zwei Glasscheiben geklemmt fast die Finger brechen, um an die begehrten Backwaren zu kommen. Darüber hinaus, gerade jetzt im Sommer sehr appetitlich hält jeder zweite Kunde die trennende Glasscheibe mit dem Unterarm nach oben, der natürlich völlig hygienisch vorher kurz desinfiziert wurde. Ach nein, Desinfektionsspray steht ja noch keines da an der Brottheke.
Wenn Sie zufällig auch noch ein Einkaufswagenverweigere sind oder nur mal kurz drei Produkte kaufen wollten und deswegen keinen Wagen mithaben, sind Sie gezwungen, die Brötchen auch gleich am Anfang des Einkaufs zu angeln, denn haben Sie erstmal noch ein Produkt in der Hand, wird es so gut wie unmöglich. Oder Sie können mit der Nummer irgendwann im Zirkus auftreten.
Das bedeutet, dass Brotkaufen im Supermarkt nur noch eine Disziplin für wirklich austrainierte, junge und gesunde, zweiarmige Menschen ist. Sind Sie vielleicht schon ein wenig älter oder gebrechlich, gar behindert, dann schicken Sie lieber ihren Zivi. Gehen Sie nie selbst Brötchen im Supermarkt holen, viel zu gefährlich.
Überhaupt ist dieses "schräge" Prinzip sehr häufig verbreitet. Selbst unser Briefkasten ist auf diese Art und Weise gebaut. Natürlich in der Hoffnung, dass der Postbote von außen so deutlich besser und mehr Werbezettel und auch ein wenig Post hinein stopfen kann. Aber das ist MEIN Briefkasten und nicht der des Postboten. Wie wäre es da, den Kasten für mich so angenehm wie möglich zu machen. Nein, durch die Schräge bin ich meistens dazu gezwungen, beim Öffnen des Briefkastens, auf dem Boden herumzukriechen und all die schönen Werbezettel wieder einzusammeln, die ich sowieso nicht wollte. (Auch hier sollten Sie ab einem gewissen Alter lieber den Zivi schicken).
Alles ganz schön schräg! Aber was spricht dagegen, diese schräge neue Welt einfach wieder gerade zu rücken? Sowohl am Briefkasten, als auch am Brotkasten? Durch die Schräge entsteht ungenutzter Raum unter dem Kasten, der wieder mitgenutzt werden könnte. Beim Briefkasten würde die Post einfach liegend auf mich warten und sich mir nicht entgegen stürzen, wenn ich den Kasten öffne. Und bei den Brötchen würde eine einzige Klappe am oberen Rand des Brötchenaquariums, eventuell mit einem selbstständigen Haltemechanismus, bereits komplett genügen. Ich könnte mit der Zange von oben hinein greifen und die Tüte befüllen, ohne meinen Arm an die Glasscheibe zu schmieren. Und wenn ich fertig bin, dann schließe ich die Klappe einfach wieder.
Dieses schräge Zeug ist für mich ein sehr klassischer Fall von: Gut gemeint muss noch lange nicht gut gemacht heißen! Ich erwarte den Tag, an dem sich die ersten Senioren vor Supermärkten anketten und darauf bestehen, dass schon in der Bibel steht: Unser täglich Brot gib uns heute!
Wie lange sich die Supermärkte dann diesem frommen Wunsch noch verweigern wollen? Vielleicht stellen sie dann Fachmitarbeiter ein, die im Umgang mit Zange, Scheibe und Haltebügel versiert sind und die den Senioren dann die Brötchen aus dem Feuer, ach nein, dem schrägen Kasten holen.